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DIE Dresdner redaktion

23. Feb. 2012

Vietnam: Heilige Schildkröte in Gefahr

Die weltweite Finanzkrise traf auch das Emirat Dubai hart, Kredite und Im Hua Kiem See von Hanoi lebt ein Tier, von dem es weltweit nur noch vier Exemplare geben soll. Die Rede ist von einer Riesenschildkröte, die weit über 100 Jahre alt ist. Den Vietnamesen ist sie heilig, doch nun wurde sie seit Wochen nicht mehr gesichtet. Abwässer drohen den See umzukippen und das Tier zu töten.

Der Huan Kiem See ist das ruhige Zentrum der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. Jeden Morgen sammeln Frühsportler hier Kraft für den Tag. Bei den Männern der Stadtverwaltung jedoch herrscht Aufregung: Schon seit Wochen ist die berühmte Schildkröte nicht aufgetaucht, die hier im See lebt und eigentlich regelmäßig ihren Kopf aus dem trüben Wasser steckt – groß wie ein Kinderkopf. Sie gilt vielen Vietnamesen als heilig.

Professor Duc ist Biologe an der Universität Hanoi. Er drängt die Stadtpolitiker dazu, mit einem Boot hinaus zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen. Das lange Ausbleiben der Riesenschildkröte sei kein gutes Zeichen, meint er. Der Professor ist besorgt: Weltweit gibt es nur noch vier Exemplare dieser Art. Und der Huan Kiem See verschlammt zunehmend. Der Lebensraum für das einmalige Tier wird so immer knapper.

Mittlerweile hat sich am Seeufer eine Menschenmenge gebildet. Alle hoffen, endlich wieder einen Blick auf ihre Schildkröte werfen zu können. Selbst Jugendliche glauben, dass allein der Anblick Glück bringt. Und tatsächlich wird die Geduld heute belohnt. Sekundenlang gleitet der Kopf der Schildkröte auf dem Wasser. Auch die Verantwortlichen der kommunistischen Partei sind erleichtert – der Verlust der Schildkröte käme extrem ungelegen. Hanoi bereitet sich gerade auf die 1.000-Jahr-Feier vor. Der Tod des Tieres wäre ein schlechtes Zeichen. Auch Professor Duc ist froh, seine Schildkröte wohlauf zu wissen. Seit 1991 beschäftigt er sich mit dem Reptil. "Cu Rua" wird der 70-Jährige in Hanoi genannt - "Urgroßvater der Schildkröten".Ich habe Menschen gekannt, die die Schildkröte schon als Kind beobachteten, so der Biologe Ha Dinh Duc Es ist eine zwei Meter lange Weichschildkröte. Für die Vietnamesen hat sie eine ganz besondere Bedeutung.

Eine alte Legende sagt, dass im 15. Jahrhundert eine riesige Schildkröte aus dem Huang Kiem See ein goldenes Schwert an König Le Loi überreicht haben soll. Mit dessen Hilfe gelang es dem König feindliche Chinesen aus dem Land zu treiben. Zum Dank ließ der König den Schildkröten-Turm mitten im See errichten. Bis heute wird das mythische Tier von vielen Vietnamesen verehrt. Denn was lange als Legende galt, wurde 1968 plötzlich real: Bei Bauarbeiten wurde ein riesiges Reptil im See entdeckt und ausgestopft. Angeblich ist das Tier 500 Jahre alt – und lebte tatsächlich zur Zeit von König Le Loi.
Doch jetzt ist auch der letzte Nachkomme dieser Schildkröte gefährdet. Hanoi liegt in einem alten Flussdelta. Die vielen Kanäle sind heute extrem verschmutzt. Abwässer aus Industrie und Haushalten fließen wie seit Jahrhunderten direkt in die Natur. Klärwerke gibt es nicht. Die stinkende Brühe wälzt sich durch die Stadt und verschlammt Seen und Flüsse. Die heilige Schildkröte im giftigen Schlamm – mit solchen Fotos hat Professor Duc sogar die oberste Pateiverwaltung in Hanoi alarmiert. Algen verkleben dem Tier die Nase, der See droht umzukippen.

Bisher hat niemand gewagt, den heiligen See zu reinigen oder genau zu erforschen – aus Angst um das Leben des Tieres. Erst in Deutschland ist Duc fündig geworden. Professor Werner von der Technischen Universität Dresden will den Tierrettern helfen. Unter den Augen des Revolutionärs Ho Chi Minh erklärt er, wie er die Umweltschäden beseitigen will. Die Mission ist heikel. Würden die Dresdner den Tod des Tieres verursachen, gäbe es diplomatische Verwerfungen zwischen den Ländern, glaubt Werner. Mit einem speziellen Sauggerät will er versuchen, den Boden des Sees langsam vom Schlamm zu befreien ohne das Tier zu stören. Der Schlamm soll aufbereitet werden – als Dünger für die Landwirtschaft. In den Tropen brauche es dafür viel Fingerspitzengefühl, meint der Wissenschaftler.
Die tropischen Seen sind sehr empfindlich. Sie müssen vorsichtig und langsam entschlammen, während sie in Deutschland schnell einen See sauber bekommen. Hier müssen die Bedingungen eingehalten werden. Ein tropischer See, sobald er einmal umkippt, dauert es Jahrhunderte bis er wieder sein Gleichgewicht hat, so Professor Werner.

Jetzt hoffen die fünf Millionen Einwohner der vietnamesischen Hauptstadt, dass der Dresdner ihre Schildkröte rettet – damit der Mythos vom geliehenen Schwert nicht nur eine alte Geschichte im Puppentheater von Hanoi bleibt, sondern lebendige Tradition.


mdr/Windrose

 

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