Wüstenstaat in Geldnöten
Die weltweite Finanzkrise traf auch das Emirat Dubai hart, Kredite und gigantische Baupläne der Scheichs zerplatzten wie Seifenblasen. Vom Boom blieben Baustellen, auf denen kaum noch etwas läuft. Auch sächsische Unternehmen müssen dort mit der Krise leben.
Die Luft über Dubai ist zurzeit so klar, wie lange nicht. In der Wirtschaftskrise stehen Großbaustellen still und sogar der ewige Verkehrsstau hat sich aufgelöst. Doch von der Krise profitiert nicht nur die Umwelt. Findige Unternehmer aus Deutschland sehen gerade jetzt ihre Chance. Anne Becker aus Elsterwerda gibt ein Hochglanzmagazin heraus. Täglich trifft sie Deutsche in Dubai zum Interview. Gunther Kieninger baut hier gerade eine Privatklinik auf. Der erfahrene Chirurg holt seine Mitarbeiter aus Deutschland. Von der Krise merkt er deshalb wenig. Patienten in Dubai vertrauen den deutschen Ärzten. Er meint, der Ruf der deutschen Ärzte sei hier gut, sehr gut sogar.
Auch sie selbst gehöre zu den Gewinnern der Krise, findet die 31-Jährige. 2006 gründete sie in Dubai ihre Zeitschrift für Wirtschaft und Kultur. Auch ihre Mitarbeiterinnen kommen aus Sachsen. Die Krise habe für sie ganz konkrete Vorteile. Die Menschen in Dubai wären nicht mehr so leichtsinnig wie bisher, meint sie. Das Projekt gab es nur auf dem Papier und die Leute standen Schlange, um eine Immobilie zu erwerben. Das sei heute nicht mehr so. Auch im täglichen Leben - in der Shopping Mall gibt es bessere Angebote, es gibt besseren Service in den Restaurants, weil es auch weniger Klientel gibt. Das sei schon eine Verbesserung der Lebensqualität, so die Verlegerin.
Wer auch geschäftlich profitieren will, braucht in der Krise vor allem gut ausgebildetes Personal - und das kommt eben oft aus Deutschland. So wie die IT-Fachleute der Firma Entire-Tec aus Dresden. 60 Mitarbeiter betreuen Bauprojekte in der ganzen Welt. Die Zeit des Gründerrausches sei in Dubai jetzt vorbei, sagt Manager Julian Kraft. Auf einmal seien gründliche Planung und Verlässlichkeit gefragt. Damit können die Sachsen punkten. Als einzige IT-Firma überhaupt arbeiten sie heute im Internationalen Finanzzentrum des Emirates Dubai. Über die Datenleitungen der Dresdner laufen künftig alle Informationen, die die Finanzwirtschaft Dubais am Laufen halten. Der Firmengründer hatte den Markt vorher genau analysiert. Es sei ein langer Weg hier Fuß zu fassen. Worauf wir uns verlassen können ist das, was wir gelernt haben, was wir in Deutschland, in Dresden ausmachen. Das können wir als etabliertes Geschäftsmodell mitnehmen und können das hier potenzieren.
Jetzt, mitten in der Krise, wird im noblen Finanzzentrum sogar ein neues Büro eingerichtet - sechs Mal so teuer wie das alte. Manager Julian Kraft freut sich, dass die Kunden in Dubai endlich auf Qualität achten - und die auch bezahlen. Sie seien natürlich sehr froh, dass die Krise hier losgegangen ist, wodurch sie aufgrund ihrer Erfahrungen als sächsisches Unternehmen in der Lage seien, internationalen Erfahrungen einzubringen, so der IT-Manager. Deren Qualitätsanspruch sei jetzt im Markt gefragt und das mache sie sehr erfolgreich.
Gigantische Projekte, wie den höchsten Turm der Welt, wird es allerdings nicht mehr so schnell geben. Gerade eröffnet, wirkt er bereits wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Geld keine Rolle spielte - nur Touristen haben noch Freude an den Superlativen: Neben dem größten Aquarium der Welt, in dem Besucher sogar tauchen können, gibt es auf dem Gelände auch das angeblich größte Einkaufszentrum. Rund eine Milliarde Euro wurde allein für den Turm dafür verbaut. In nur 55 Sekunden gelangen Besucher in die 124. Etage. Statt gewöhnlicher Ferngläser gibt es hier spezielle Monitore, die das Bild analysieren und Zusatzinformationen geben. Experten bezweifeln allerdings, ob sich der High-Tech-Turm jemals rentieren wird.
Mittelständler wie Anne Becker dagegen müssen schon immer genau rechnen und planen. Und das ist in Dubai nicht immer einfach - denn schnell ist in den Emiraten alles anders, als geplant. Selbst bei der Eröffnungsfeier gab es eine riesige Überraschung: Der seit Jahren als Burj Dubai beworbene Turm wurde plötzlich umbenannt - in Burj Chalifa. Ein Dankeschön für die Milliardenhilfe der Nachbarn aus Abu Dhabi.
Die arabischen Kommentatoren waren erschüttert - genau wie deutsche Unternehmer, die längst Souvenirs für den Turm produzieren. Diese 3-D-Ansichten in Glas stellt Lothar Hohmann in Dubai her. Bisher natürlich unter dem alten Namen "Burj Dubai". Doch statt zu klagen, will er sie jetzt eben als Raritäten anbieten - vielleicht werden sie ja einmal so wertvoll wie die Blaue Mauritius.
Dubai sei immer noch der beste Ort ist, wo man zurzeit sein kann, so die Verlegerin Anne-Susann Becker. Die Unternehmer würden keine Alternative sehen. Der Gang zurück nach Deutschland sei für sie keine Option.
Flexibel bleiben, weiterdenken und gut rechnen - für deutsche Mittelständler ist Dubai gerade in der Krise attraktiv. Auch, wenn in den Emiraten künftig die Häuser nicht mehr ganz bis in den Himmel wachsen werden.
mdr/Windrose