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DIE Dresdner redaktion

23. Feb. 2012

Tunesien: Angst vor der Zukunft

Tunesien schwankt zwischen Euphorie und Zukunftsangst. Denn ohne wirtschaftlichen Aufschwung ist es ein schwerer Weg zur Demokratie. Das Land hofft jetzt vor allem auf ausländische Investoren.

Es gießt in Strömen auf der Orangenplantage in Bemi Khalled – einer der größten in ganz Tunesien. Der Regen macht den Mitarbeitern nichts aus, im Gegenteil: Für die Landwirte in dem Wüstenstaat ist es ein Hoffnungszeichen, das gut zur Stimmung nach der Revolution passt. Es begann zu regnen, nachdem sie ihren Präsidenten verjagt hatten, erzählen uns die Landwirte. Und in Tunesien heißt es, wenn man etwas Schlechtes macht, bleibt es trocken. Wenn man etwas Gutes tut, dann regnet es.

Mit der Freiheit soll alles besser werden. Dazu allerdings müsste die Wirtschaft anspringen. Und da stehen die Chancen schlecht. Orangen zum Beispiel sind ein wichtiges Exportgut. Doch die Früchte bringen auf dem Weltmarkt heute nicht mehr ein als vor 20 Jahren. Ausgerechnet die Europäer drücken die Preise.

So schwankt Tunesien zwischen Euphorie und Zukunftsangst. Während Tausende illegal nach Europa fliehen, kehren andere ins Land zurück. Auf dem Flughafen landen jene, die das alte Regime ins Exil vertrieben hatte. Sie hoffen auf eine friedliche und demokratische Entwicklung. Viele sind Oppositionelle, wie der Politiker Khelifi Habib, der 1992 nach Deutschland ins Exil floh.

Doch ohne wirtschaftlichen Aufschwung ist es ein schwerer Weg zur Demokratie. Nach den Unruhen der letzten Tage patrouilliert noch immer das Militär in der Hauptstadt Tunis. Die Stimmung ist aufgeheizt. Der siegreichen Opposition im Land fehlen Konzepte und Erfahrungen. Buchstäblich an jeder Ecke wird leidenschaftlich diskutiert. Einigen kann man sich nur auf eine grundsätzliche Forderung.

Eine moderne Parteienlandschaft gibt es gar nicht in Tunesien– auch keine herausragenden Politiker. Nach dem erzwungenen Aus für den Premier und mehrere Minister allein in dieser Woche ist der Minister für Wirtschaft und Tourismus einer der mächtigsten Männer im Land. Doch auch der Unternehmer aus Frankreich hat bisher nur grobe Vorstellungen für den Aufschwung: Weg vom Image als Billigreiseland, hin zu mehr Kooperation mit europäischen Firmen.

Auch der neue Minister steht bereits wieder in der Kritik. Demonstranten vor dem Ministerium für Tourismus beklagen, dass im Moment keine Touristen nach Tunesien kommen – ob der Minister etwas daran ändern kann oder nicht, ist ihnen egal.

Tatsächlich ist auch der Tourismus im Moment keine Stütze für die neue Regierung. Allein auf der Insel Djerba leben 20.000 Menschen von der Reisewirtschaft. Dass die Hotels auf der Ferieninsel fast komplett leer stehen, ist eine Katastrophe für sie. Mit drastischen Sparangeboten versuchen die Betreiber die Gäste aus Deutschland zurückzulocken, auch wenn sie daran kaum etwas verdienen.

Immerhin: Die Hoffnung auf einen kleinen Revolutionstourismus teilen die Privatanbieter. Karin Krug ist überzeugt, dass die Gäste bald zurückkommen. Auf ihrem Pferdehof auf Djerba baut die Deutsche jetzt sogar einen Bungalow an – sie rechnet trotz der Krise mit mehr Gästen als im letzten Jahr. Einen wirtschaftlichen Einbruch hätten die Tunesier einfach nicht verdient.

Noch muss sie, wie alle in Tunesien, auf die ersten Gäste warten. Die wichtigsten Standbeine Tunesiens, der Tourismus und die Landwirtschaft, werden ohne Vertrauen der Europäer nicht auf die Beine kommen. Und ohne wirtschaftliche Perspektive ist nicht sicher, dass Tunesien auf dem Weg zu Ruhe und Demokratie auch wirklich ankommen wird.

MDR - windrose

 

 

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