Tunesien: Angst vor der Zukunft
Tunesien schwankt zwischen Euphorie und Zukunftsangst. Denn ohne wirtschaftlichen
Aufschwung ist es ein schwerer Weg zur Demokratie. Das Land hofft jetzt
vor allem auf ausländische Investoren.
Es gießt in Strömen auf der Orangenplantage in Bemi Khalled
– einer der größten in ganz Tunesien. Der Regen macht
den Mitarbeitern nichts aus, im Gegenteil: Für die Landwirte in
dem Wüstenstaat ist es ein Hoffnungszeichen, das gut zur Stimmung
nach der Revolution passt. Es begann zu regnen, nachdem sie ihren Präsidenten
verjagt hatten, erzählen uns die Landwirte. Und in Tunesien heißt
es, wenn man etwas Schlechtes macht, bleibt es trocken. Wenn man etwas
Gutes tut, dann regnet es.
Mit der Freiheit soll alles besser werden. Dazu allerdings müsste
die Wirtschaft anspringen. Und da stehen die Chancen schlecht. Orangen
zum Beispiel sind ein wichtiges Exportgut. Doch die Früchte bringen
auf dem Weltmarkt heute nicht mehr ein als vor 20 Jahren. Ausgerechnet
die Europäer drücken die Preise.
So schwankt Tunesien zwischen Euphorie und Zukunftsangst. Während
Tausende illegal nach Europa fliehen, kehren andere ins Land zurück.
Auf dem Flughafen landen jene, die das alte Regime ins Exil vertrieben
hatte. Sie hoffen auf eine friedliche und demokratische Entwicklung.
Viele sind Oppositionelle, wie der Politiker Khelifi Habib, der 1992
nach Deutschland ins Exil floh.
Doch ohne wirtschaftlichen Aufschwung ist es ein schwerer Weg zur Demokratie.
Nach den Unruhen der letzten Tage patrouilliert noch immer das Militär
in der Hauptstadt Tunis. Die Stimmung ist aufgeheizt. Der siegreichen
Opposition im Land fehlen Konzepte und Erfahrungen. Buchstäblich
an jeder Ecke wird leidenschaftlich diskutiert. Einigen kann man sich
nur auf eine grundsätzliche Forderung.
Eine moderne Parteienlandschaft gibt es gar nicht in Tunesien–
auch keine herausragenden Politiker. Nach dem erzwungenen Aus für
den Premier und mehrere Minister allein in dieser Woche ist der Minister
für Wirtschaft und Tourismus einer der mächtigsten Männer
im Land. Doch auch der Unternehmer aus Frankreich hat bisher nur grobe
Vorstellungen für den Aufschwung: Weg vom Image als Billigreiseland,
hin zu mehr Kooperation mit europäischen Firmen.
Auch der neue Minister steht bereits wieder in der Kritik. Demonstranten
vor dem Ministerium für Tourismus beklagen, dass im Moment keine
Touristen nach Tunesien kommen – ob der Minister etwas daran ändern
kann oder nicht, ist ihnen egal.
Tatsächlich ist auch der Tourismus im Moment keine Stütze
für die neue Regierung. Allein auf der Insel Djerba leben 20.000
Menschen von der Reisewirtschaft. Dass die Hotels auf der Ferieninsel
fast komplett leer stehen, ist eine Katastrophe für sie. Mit drastischen
Sparangeboten versuchen die Betreiber die Gäste aus Deutschland
zurückzulocken, auch wenn sie daran kaum etwas verdienen.
Immerhin: Die Hoffnung auf einen kleinen Revolutionstourismus teilen
die Privatanbieter. Karin Krug ist überzeugt, dass die Gäste
bald zurückkommen. Auf ihrem Pferdehof auf Djerba baut die Deutsche
jetzt sogar einen Bungalow an – sie rechnet trotz der Krise mit
mehr Gästen als im letzten Jahr. Einen wirtschaftlichen Einbruch
hätten die Tunesier einfach nicht verdient.
Noch muss sie, wie alle in Tunesien, auf die ersten Gäste warten.
Die wichtigsten Standbeine Tunesiens, der Tourismus und die Landwirtschaft,
werden ohne Vertrauen der Europäer nicht auf die Beine kommen.
Und ohne wirtschaftliche Perspektive ist nicht sicher, dass Tunesien
auf dem Weg zu Ruhe und Demokratie auch wirklich ankommen wird.
MDR - windrose