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DIE Dresdner redaktion

23. Feb. 2012

Metro durch den Bosporus

Mit einem gigantischen Projekt soll das Verkehrschaos in Istanbul gemindert werden. Geplant ist eine Metrolinie quer durch den Bosporus. Doch die schöne Idee konnte bis jetzt nur ansatzweise realisiert werden. Archäologen haben auf der Baustelle aufsehenerregende Funde gemacht.

Es sind noch mehr Touristen als sonst, die sich im Kulturhauptstadtjahr durch Istanbuls Altstadt drängen. Vor allem an den Zufahrten zu den Brücken drängen sich Autos und Busse. Kein Wunder, schließlich muss der gesamte Verkehr durch dieses Nadelöhr: den Bosporus. Die Meeresenge schneidet Istanbul in zwei Teile. Händler, Gäste, Arbeiter – alle müssen hier durch. Gerade rechtzeitig ist die erste und einzige Straßenbahnlinie Istanbuls fertig geworden, die Besucher der europäischen Kulturhauptstadt zu den Highlights bringt. Die eigentliche Rettung vor dem Verkehrsinfarkt aber sollte eigentlich dieses gigantische Projekt bringen: eine Metrolinie quer durch den Bosporus.

Die Animation zeigt den weltweit ersten Versuch eine Metrotrasse in über 60 Metern Wassertiefe zu verlegen. Über eine Strecke von 1,5 Kilometer wurden lange Betonröhren von Schiffen herabgelassen und auf dem Meeresgrund verbunden. Eine Milliarde Dollar soll die Metro kosten, die pro Tag eine Million Fahrgäste befördern könnte. Doch obwohl die Röhren bereits auf dem Grund liegen, muss der Bosporus auch im Jahr der Kulturhauptstadt per Schiff oder Brücke überquert werden. Drei Jahre liegt man hinter dem Bauplan zurück. Ausgerechnet das wohl größte Kulturereignis seit Jahrzehnten behindert den Ausbau der Kulturhauptstadt.

Tatsächlich: Die vielen Mitarbeiter in den orangefarbenen Westen sind nicht etwa Bauarbeiter, sondern Grabungshelfer. Sie durchwühlen die wertvolle Erde – und zwar nicht mit dem Bagger, sondern der Zinkenhacke. Beinah jeder Spatenstich fördert hier eine antike Scherbe oder ähnliches zu Tage. Die Archäologen wittern eine Sensation. Es handelt sich um ein besonders altes Hafenbecken. Das belegen Schiffsgerippe aus römischer Zeit, die im Muschelschlamm überdauert haben. Manche Funde sind sogar so alt, dass sie auf eine weit frühere Besiedlung der Gegend schließen lassen, als jemals vermutet. Kistenweise werden die Artefakte gesammelt. An zügige Metrobauarbeiten ist nicht zu denken. Die Funde gehen direkt in das weltberühmte Archäologische Museum der Stadt. Hier kann man das Glück immer noch nicht fassen.

Einige der wertvollsten Funde werden bereits ausgestellt. Sie bilden jenes kulturelle Erbe, das Istanbul überhaupt erst zu einer europäischen Kulturhauptstadt gemacht hat. Die Stücke beweisen: Die türkische Metropole ist eine Stadt mit langer, europäischer Tradition. Doch die Bewahrung dieses Erbes ist heikel und sorgt für Streit. Istanbul ist Stein gewordene Geschichte. Eine Geschichte, die den Bedürfnissen der Kulturhauptstadt oft im Weg steht. Der Archäologe Martin Bachmann kennt diesen Konflikt – der ebenfalls seit Jahrhunderten besteht. So wurden im 17. Jahrhundert antike Mamorplatten einfach als Pflastersteine genutzt – und so bis heute erhalten.

Andere europäische Traditionen sind dagegen fast verschwunden. Vor 200 Jahren bauten vor allem wohlhabende Griechen und Armenier in Istanbul Stadtpaläste aus Holz – mittlerweile sind davon nur noch Ruinen übrig. Niemand findet sich, der die einst prächtigen Häuser renovieren will. Zwischenzeitlich war hier sogar das Armenviertel der Stadt. Doch auch die Holzhäuser hatten eine andere, ältere Stadtkultur verdrängt: Zunächst war Istanbul eine großzügige Gartenstadt.

Erhalten oder erneuern ist die Frage für die Kulturhauptstadt. Dieses Foto zeigt besonders wertvolle Holzhäuser. An der gleichen Stelle befindet sich heute eine achtspurige Straße. Als Kulturhauptstadt will Istanbul das europäische Erbe bewahren. Doch immer wieder steht die Tradition dem nötigen Ausbau der Infrastruktur im Weg. Auch bei den Grabungen an der Metro-Baustelle ist ein Ende nicht abzusehen. Der Baustellenleiter hofft bereits auf höheren Beistand gegen die Flut der antiken Schätze.

Seinen Titel als europäische Kulturhauptstadt trägt Istanbul zu Recht. Jetzt muss die Stadt nur noch zeigen, dass sie mit dem großen Erbe auch morgen noch leben kann.

 

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