Metro durch den Bosporus
Mit einem gigantischen Projekt soll das Verkehrschaos in Istanbul gemindert
werden. Geplant ist eine Metrolinie quer durch den Bosporus. Doch die
schöne Idee konnte bis jetzt nur ansatzweise realisiert werden. Archäologen
haben auf der Baustelle aufsehenerregende Funde gemacht.
Es sind noch mehr Touristen als sonst, die sich im Kulturhauptstadtjahr
durch Istanbuls Altstadt drängen. Vor allem an den Zufahrten zu
den Brücken drängen sich Autos und Busse. Kein Wunder, schließlich
muss der gesamte Verkehr durch dieses Nadelöhr: den Bosporus. Die
Meeresenge schneidet Istanbul in zwei Teile. Händler, Gäste,
Arbeiter – alle müssen hier durch. Gerade rechtzeitig ist
die erste und einzige Straßenbahnlinie Istanbuls fertig geworden,
die Besucher der europäischen Kulturhauptstadt zu den Highlights
bringt. Die eigentliche Rettung vor dem Verkehrsinfarkt aber sollte
eigentlich dieses gigantische Projekt bringen: eine Metrolinie quer
durch den Bosporus.
Die Animation zeigt den weltweit ersten Versuch eine Metrotrasse in
über 60 Metern Wassertiefe zu verlegen. Über eine Strecke
von 1,5 Kilometer wurden lange Betonröhren von Schiffen herabgelassen
und auf dem Meeresgrund verbunden. Eine Milliarde Dollar soll die Metro
kosten, die pro Tag eine Million Fahrgäste befördern könnte.
Doch obwohl die Röhren bereits auf dem Grund liegen, muss der Bosporus
auch im Jahr der Kulturhauptstadt per Schiff oder Brücke überquert
werden. Drei Jahre liegt man hinter dem Bauplan zurück. Ausgerechnet
das wohl größte Kulturereignis seit Jahrzehnten behindert
den Ausbau der Kulturhauptstadt.
Tatsächlich: Die vielen Mitarbeiter in den orangefarbenen Westen
sind nicht etwa Bauarbeiter, sondern Grabungshelfer. Sie durchwühlen
die wertvolle Erde – und zwar nicht mit dem Bagger, sondern der
Zinkenhacke. Beinah jeder Spatenstich fördert hier eine antike
Scherbe oder ähnliches zu Tage. Die Archäologen wittern eine
Sensation. Es handelt sich um ein besonders altes Hafenbecken. Das belegen
Schiffsgerippe aus römischer Zeit, die im Muschelschlamm überdauert
haben. Manche Funde sind sogar so alt, dass sie auf eine weit frühere
Besiedlung der Gegend schließen lassen, als jemals vermutet. Kistenweise
werden die Artefakte gesammelt. An zügige Metrobauarbeiten ist
nicht zu denken. Die Funde gehen direkt in das weltberühmte Archäologische
Museum der Stadt. Hier kann man das Glück immer noch nicht fassen.
Einige der wertvollsten Funde werden bereits ausgestellt. Sie bilden
jenes kulturelle Erbe, das Istanbul überhaupt erst zu einer europäischen
Kulturhauptstadt gemacht hat. Die Stücke beweisen: Die türkische
Metropole ist eine Stadt mit langer, europäischer Tradition. Doch
die Bewahrung dieses Erbes ist heikel und sorgt für Streit. Istanbul
ist Stein gewordene Geschichte. Eine Geschichte, die den Bedürfnissen
der Kulturhauptstadt oft im Weg steht. Der Archäologe Martin Bachmann
kennt diesen Konflikt – der ebenfalls seit Jahrhunderten besteht.
So wurden im 17. Jahrhundert antike Mamorplatten einfach als Pflastersteine
genutzt – und so bis heute erhalten.
Andere europäische Traditionen sind dagegen fast verschwunden.
Vor 200 Jahren bauten vor allem wohlhabende Griechen und Armenier in
Istanbul Stadtpaläste aus Holz – mittlerweile sind davon
nur noch Ruinen übrig. Niemand findet sich, der die einst prächtigen
Häuser renovieren will. Zwischenzeitlich war hier sogar das Armenviertel
der Stadt. Doch auch die Holzhäuser hatten eine andere, ältere
Stadtkultur verdrängt: Zunächst war Istanbul eine großzügige
Gartenstadt.
Erhalten oder erneuern ist die Frage für die Kulturhauptstadt.
Dieses Foto zeigt besonders wertvolle Holzhäuser. An der gleichen
Stelle befindet sich heute eine achtspurige Straße. Als Kulturhauptstadt
will Istanbul das europäische Erbe bewahren. Doch immer wieder
steht die Tradition dem nötigen Ausbau der Infrastruktur im Weg.
Auch bei den Grabungen an der Metro-Baustelle ist ein Ende nicht abzusehen.
Der Baustellenleiter hofft bereits auf höheren Beistand gegen die
Flut der antiken Schätze.
Seinen Titel als europäische Kulturhauptstadt trägt Istanbul
zu Recht. Jetzt muss die Stadt nur noch zeigen, dass sie mit dem großen
Erbe auch morgen noch leben kann.