Die letzten Sherpas
Morgens, kurz vor Sonnenaufgang in der Hohen Tatra. Am Fuß des
slowakischen Gebirges treffen sich Martin Matusek und seine Kollegen.
Vor ihnen liegt eines der beliebtesten Wandergebiete Osteuropas. Doch
ein Spaziergang wird das heute nicht.
Die Männer arbeiten als Sherpas – als Lastenträger
beliefern sie einsame Berghütten. In diesem Beruf sind sie die
letzten Europäer. Wenn sich Touristen am Lastenschleppen versuchen
wollen, können sie zum Spaß Zwiebeln oder Holz nach oben
tragen. 20 Kilogramm für eine Tasse Tee mit Rum. Die Profis aber
schleppen bis zu 100 Kilogramm auf einmal. 750 Höhenmeter liegen
heute vor ihnen – dafür werden sie vier Stunden benötigen.
Weil die Hohe Tatra slowakischer Nationalpark ist, dürfen keine
Straßen und kaum Lifte gebaut werden. Hubschrauber können
in den waldreichen Schluchten schwer landen. Die steilen Geröllpisten
sind sogar für die Träger gefährlich, leicht können
sich Steinlawinen lösen. Doch durch die Arbeit der Sherpas konnte
sich die Hohe Tatra ihre Ursprünglichkeit bewahren – trotz
des Tourismus.
In weit über 2.000 Meter Höhe liegt die Rysyhütte. Hierher
schleppen die Männer im Auftrag eines privaten Pächters alles,
was sich Touristen wünschen: Getränke, Knödel, Gulasch.
Jetzt im Spätherbst ist die Saison allerdings zu Ende, das Weihnachtsgeschäft
hat noch nicht begonnen. Die Sherpas um Martin Matusek sind eine eingeschworene
Gemeinde und genießen die kurze ruhige Zeit im Gebirge. Die alte
Tradition der Lastenträger schützt die Natur der Hohen Tatra
Einer der jüngsten Kollegen von Matusek ist der 25-jährige
Dusan Hudak. Der hat eigentlich Kulturmanagement studiert. Doch statt
Festivals zu organisieren, kümmert er sich jetzt um die Gäste
in der Rysyhütte, die hier auch übernachten können. Dusan
schleppt nicht nur Lebensmittel über die Baumgrenze, er muss sie
hier oben auch noch selbst zubereiten – das gehört zum Beruf.
Etwa 50 Sherpas arbeiten heute in der Hohen Tatra. Für Dusan ist
das besser als jeder Bürojob. Vor allem die jungen Leute sehen
die harte Arbeit hier als Herausforderung.
Kein Wunder, dass die Männer ihren Beruf lieben. Es gibt zwar
nur ein Außenklo an der Rysyhütte – das aber hat den
wohl schönsten Ausblick der Welt. Doch die Arbeit ist nicht ungefährlich.
Seit Beginn des Tourismus in der Slowakei vor 100 Jahren haben rund
400 Träger und Bergführer den Tod gefunden – allein
in diesem Jahr waren es zwölf. Mit einem kleinen symbolischen Friedhof
gedenken Matusek und seine Kollegen jenen, die ihr Leben für die
Rettung der Touristen gelassen haben. Denn die sind das wichtigste Gut
der Hohen Tatra. Aus ganz Europa kommen Wander- und Kletterfreunde in
die Orte Štrbské Pleso und Starý Smokovec. Doch viele
unterschätzen die Gefahren in diesem kleinen Gebirge, in dem keine
Rettungsfahrzeuge zu Hilfe kommen können.
Gedenktafeln erinnern an verunglückte Sherpas. Martin Matusek
ist trotz seiner 36 Jahre bereits einer der erfahrensten Bergretter
– ein Job, den nur die besten Sherpas bekommen, denn auf die alten
Tragen kann man auch bei Rettungseinsätzen nicht verzichten, erklärt
er. Die neuen Geräte seien zwar leichter und einfacher zu benutzen,
etwa beim Bergsteigen. Für größere Lasten aber nützten
die modernen Materialien wenig.
Damit es auch künftig genug Nachwuchs für die Sherpas gibt,
leitet Matusek den Verein für Extremsport. Kostenlos gibt er jenes
Wissen an die Kinder der Umgebung weiter, dass er von seinem Vater erworben
hat. Auf alten Videos zeigt er ihnen, was sie auf dem Berg erwartet.
Bald kommt der Winter, doch nicht einmal der hohe Schnee darf einen
Sherpa von seinem Weg zur Rysyhütte abhalten. Hier wird eine alte
Tradition weitergeben, die es so in Europa kein zweites Mal gibt: Die
Männer kämpfen mit den Kräften der Natur – nicht
um sie zu besiegen, sondern um sie zu schützen. Lifte und Hubschrauberplätze
werden in der Hohen Tatra auch in den nächsten Jahrzehnten wohl
nicht gebraucht.
arte/ZoomEuropa