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DIE Dresdner redaktion

23. Feb. 2012

Die letzten Sherpas

Morgens, kurz vor Sonnenaufgang in der Hohen Tatra. Am Fuß des slowakischen Gebirges treffen sich Martin Matusek und seine Kollegen. Vor ihnen liegt eines der beliebtesten Wandergebiete Osteuropas. Doch ein Spaziergang wird das heute nicht.

Die Männer arbeiten als Sherpas – als Lastenträger beliefern sie einsame Berghütten. In diesem Beruf sind sie die letzten Europäer. Wenn sich Touristen am Lastenschleppen versuchen wollen, können sie zum Spaß Zwiebeln oder Holz nach oben tragen. 20 Kilogramm für eine Tasse Tee mit Rum. Die Profis aber schleppen bis zu 100 Kilogramm auf einmal. 750 Höhenmeter liegen heute vor ihnen – dafür werden sie vier Stunden benötigen. Weil die Hohe Tatra slowakischer Nationalpark ist, dürfen keine Straßen und kaum Lifte gebaut werden. Hubschrauber können in den waldreichen Schluchten schwer landen. Die steilen Geröllpisten sind sogar für die Träger gefährlich, leicht können sich Steinlawinen lösen. Doch durch die Arbeit der Sherpas konnte sich die Hohe Tatra ihre Ursprünglichkeit bewahren – trotz des Tourismus.

In weit über 2.000 Meter Höhe liegt die Rysyhütte. Hierher schleppen die Männer im Auftrag eines privaten Pächters alles, was sich Touristen wünschen: Getränke, Knödel, Gulasch. Jetzt im Spätherbst ist die Saison allerdings zu Ende, das Weihnachtsgeschäft hat noch nicht begonnen. Die Sherpas um Martin Matusek sind eine eingeschworene Gemeinde und genießen die kurze ruhige Zeit im Gebirge. Die alte Tradition der Lastenträger schützt die Natur der Hohen Tatra

Einer der jüngsten Kollegen von Matusek ist der 25-jährige Dusan Hudak. Der hat eigentlich Kulturmanagement studiert. Doch statt Festivals zu organisieren, kümmert er sich jetzt um die Gäste in der Rysyhütte, die hier auch übernachten können. Dusan schleppt nicht nur Lebensmittel über die Baumgrenze, er muss sie hier oben auch noch selbst zubereiten – das gehört zum Beruf. Etwa 50 Sherpas arbeiten heute in der Hohen Tatra. Für Dusan ist das besser als jeder Bürojob. Vor allem die jungen Leute sehen die harte Arbeit hier als Herausforderung.

Kein Wunder, dass die Männer ihren Beruf lieben. Es gibt zwar nur ein Außenklo an der Rysyhütte – das aber hat den wohl schönsten Ausblick der Welt. Doch die Arbeit ist nicht ungefährlich. Seit Beginn des Tourismus in der Slowakei vor 100 Jahren haben rund 400 Träger und Bergführer den Tod gefunden – allein in diesem Jahr waren es zwölf. Mit einem kleinen symbolischen Friedhof gedenken Matusek und seine Kollegen jenen, die ihr Leben für die Rettung der Touristen gelassen haben. Denn die sind das wichtigste Gut der Hohen Tatra. Aus ganz Europa kommen Wander- und Kletterfreunde in die Orte Štrbské Pleso und Starý Smokovec. Doch viele unterschätzen die Gefahren in diesem kleinen Gebirge, in dem keine Rettungsfahrzeuge zu Hilfe kommen können.

Gedenktafeln erinnern an verunglückte Sherpas. Martin Matusek ist trotz seiner 36 Jahre bereits einer der erfahrensten Bergretter – ein Job, den nur die besten Sherpas bekommen, denn auf die alten Tragen kann man auch bei Rettungseinsätzen nicht verzichten, erklärt er. Die neuen Geräte seien zwar leichter und einfacher zu benutzen, etwa beim Bergsteigen. Für größere Lasten aber nützten die modernen Materialien wenig.

Damit es auch künftig genug Nachwuchs für die Sherpas gibt, leitet Matusek den Verein für Extremsport. Kostenlos gibt er jenes Wissen an die Kinder der Umgebung weiter, dass er von seinem Vater erworben hat. Auf alten Videos zeigt er ihnen, was sie auf dem Berg erwartet. Bald kommt der Winter, doch nicht einmal der hohe Schnee darf einen Sherpa von seinem Weg zur Rysyhütte abhalten. Hier wird eine alte Tradition weitergeben, die es so in Europa kein zweites Mal gibt: Die Männer kämpfen mit den Kräften der Natur – nicht um sie zu besiegen, sondern um sie zu schützen. Lifte und Hubschrauberplätze werden in der Hohen Tatra auch in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht gebraucht.

 

arte/ZoomEuropa

 

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