Sitemap | Impressum | Kontakt 

© dd-redaktion.de

Portal e.V.

EICHBERGFILM

 

DIE Dresdner redaktion

23. Feb. 2012

Partnersuche am Schlagbaum

Das Verhältnis zwischen Albanern und Serben ist seit Ende des Kosovokrieges 1999 noch immer angespannt. Doch gerade in den Grenzregionen sind die Menschen zunehmend aufeinander angewiesen. Denn durch die Landflucht der Jugend fehlen beiderseits der Grenze Partner. Eine Lösung: ein Partner aus dem Nachbarland.

Im serbischen Dorf Stalalj, kurz vor der albanischen Grenze, erwartet uns ein kleines Wunder. Martha Kalichanid führt uns hin. Es ist ihre Tochter Angela. Vor 16 Monate haben Martha und ihr Mann Danko die Kleine bekommen. Ein Wunder ist das deshalb, weil Angela das erste Kind aus einer christlichen Mischehe ist: Martha ist Albanerin, Danko Serbe. Noch vor einigen Jahren wäre das in den Dörfern hier undenkbar gewesen, doch in Südserbien herrscht Frauenmangel. Die Idee hatte Dankos Mutter Sargorka. Sie schickte den Sohn zur Brautschau über die Grenze nach Albanien, das seit dem Kosovokrieg eigentlich Feindesland ist.

Die beiden mochten sich auf Anhieb. Martha lernte Serbisch und willigte als Katholikin in eine christlich-orthodoxe Hochzeit ein. Die Alten im Dorf freuen sich, dass der Ort wieder eine Zukunft hat. Bauer Danko ist von seiner Frau begeistert.

Dass sich serbische Männer ihre Frauen ausgerechnet in Albanien suchen, ist die Idee der Hilfsorganisation Stara Raska. Hier fürchtet man, dass die christliche Tradition im Süden Serbiens aussterben könnte, weil viele junge Serbinnen in die Städte ziehen.

Doch das hat sich durch die Landflucht der jungen Frauen deutlich verändert. In vielen Bergdörfern der Region Raska leben heute im Durchschnitt 80 Prozent Moslems – auch dank der traditionell hohen Geburtenrate. Heute trifft sich zum Feiertag eine große muslimische Gemeinde.
Auch die Serben der Gegend treffen sich heute zum Grillen – viele junge Familien gibt es allerdings nicht mehr. Die meisten sind nach Norden ausgewandert, nach Belgrad oder Novi Sad. Um das kulturelle Gleichgewicht zu erhalten, sollen die christlichen Familien besonders gefördert werden – und dazu braucht es die Frauen aus Albanien. Die Hilfsorganisation Stara Razka betreut die gemischten Paare auch nach der Hochzeit. Im Dinarischen Gebirge besuchen wir Familie Stajonovic – ihr Kind ist gerade sechs Monate alt. 500 Euro erhielt das serbisch-albanische Paar für die Hochzeit, dazu 150 Euro für das erste Kind – das soll die Kosten für den Start ins Familienleben decken.

Auf der anderen Seite der Grenze, im albanischen Skodar treffen wir eine ganze Gruppe junger Serben auf Brautschau – eingeladen von der Organisation Stara Razka. Der serbische Staat unterstützt diese Reisen mit erleichterten Visa- und Einbürgerungsregeln. Die erste Kandidatin wartet schon am Büro der Organisation. Männer und Frauen denken pragmatisch. Sie wissen was sie suchen: einen Partner zum Arbeiten und Kinderkriegen – romantische Liebe ist zweitrangig.

Die Verhandlungen mit den Familien der Frauen sind heikel – drehen dürfen wir dabei nicht. Wir fahren trotzdem in die albanischen Berge, in jene Dörfer, aus denen viele der heiratswilligen Frauen stammen. Anders als in Südserbien herrscht hier in Nordalbanien Frauenüberschuss. Die Männer sind zu jung oder zu alt zum Heiraten. Weil es kaum Arbeit in den Dörfern gibt, wandern die Zwanzigjährigen nach Griechenland aus und gründen dort Familien. Viele Frauen bleiben allein zurück. Auch Daze Zubai verrichtet den Großteil der Arbeit auf dem Hof selbst, Geld für Material oder einen neuen Brunnen kommt, wenn überhaupt, von männlichen Verwandten aus dem Ausland.

Für eine Familie und Kinder ziehen die katholischen Albanerinnen ins orthodoxe Serbien. Die kleine Angela ist der beste Beweis, dass die Multikulti-Ehen auf dem Balkan funktionieren können. Martha gefällt die neue Heimat, sogar das Klima sei besser. Jetzt wollen Martha und Danko ein zweites Kind bekommen, auch dafür gibt's nochmal 200 Euro von der Hilfsorganisation. Wann es soweit ist, weiß aber niemand – höchstens vielleicht Großmutter Sargorka, die im Kaffeesatz eifrig die Zukunft für ihre wachsende Familie liest.

 

webmaster@dd-redaktion.de