Partnersuche am Schlagbaum
Das Verhältnis zwischen Albanern und Serben ist seit Ende des
Kosovokrieges 1999 noch immer angespannt. Doch gerade in den Grenzregionen
sind die Menschen zunehmend aufeinander angewiesen. Denn durch die Landflucht
der Jugend fehlen beiderseits der Grenze Partner. Eine Lösung:
ein Partner aus dem Nachbarland.
Im serbischen Dorf Stalalj, kurz vor der albanischen Grenze, erwartet
uns ein kleines Wunder. Martha Kalichanid führt uns hin. Es ist
ihre Tochter Angela. Vor 16 Monate haben Martha und ihr Mann Danko die
Kleine bekommen. Ein Wunder ist das deshalb, weil Angela das erste Kind
aus einer christlichen Mischehe ist: Martha ist Albanerin, Danko Serbe.
Noch vor einigen Jahren wäre das in den Dörfern hier undenkbar
gewesen, doch in Südserbien herrscht Frauenmangel. Die Idee hatte
Dankos Mutter Sargorka. Sie schickte den Sohn zur Brautschau über
die Grenze nach Albanien, das seit dem Kosovokrieg eigentlich Feindesland
ist.
Die beiden mochten sich auf Anhieb. Martha lernte Serbisch und willigte
als Katholikin in eine christlich-orthodoxe Hochzeit ein. Die Alten
im Dorf freuen sich, dass der Ort wieder eine Zukunft hat. Bauer Danko
ist von seiner Frau begeistert.
Dass sich serbische Männer ihre Frauen ausgerechnet in Albanien
suchen, ist die Idee der Hilfsorganisation Stara Raska. Hier fürchtet
man, dass die christliche Tradition im Süden Serbiens aussterben
könnte, weil viele junge Serbinnen in die Städte ziehen.
Doch das hat sich durch die Landflucht der jungen Frauen deutlich verändert.
In vielen Bergdörfern der Region Raska leben heute im Durchschnitt
80 Prozent Moslems – auch dank der traditionell hohen Geburtenrate.
Heute trifft sich zum Feiertag eine große muslimische Gemeinde.
Auch die Serben der Gegend treffen sich heute zum Grillen – viele
junge Familien gibt es allerdings nicht mehr. Die meisten sind nach
Norden ausgewandert, nach Belgrad oder Novi Sad. Um das kulturelle Gleichgewicht
zu erhalten, sollen die christlichen Familien besonders gefördert
werden – und dazu braucht es die Frauen aus Albanien. Die Hilfsorganisation
Stara Razka betreut die gemischten Paare auch nach der Hochzeit. Im
Dinarischen Gebirge besuchen wir Familie Stajonovic – ihr Kind
ist gerade sechs Monate alt. 500 Euro erhielt das serbisch-albanische
Paar für die Hochzeit, dazu 150 Euro für das erste Kind –
das soll die Kosten für den Start ins Familienleben decken.
Auf der anderen Seite der Grenze, im albanischen Skodar treffen wir
eine ganze Gruppe junger Serben auf Brautschau – eingeladen von
der Organisation Stara Razka. Der serbische Staat unterstützt diese
Reisen mit erleichterten Visa- und Einbürgerungsregeln. Die erste
Kandidatin wartet schon am Büro der Organisation. Männer und
Frauen denken pragmatisch. Sie wissen was sie suchen: einen Partner
zum Arbeiten und Kinderkriegen – romantische Liebe ist zweitrangig.
Die Verhandlungen mit den Familien der Frauen sind heikel – drehen
dürfen wir dabei nicht. Wir fahren trotzdem in die albanischen
Berge, in jene Dörfer, aus denen viele der heiratswilligen Frauen
stammen. Anders als in Südserbien herrscht hier in Nordalbanien
Frauenüberschuss. Die Männer sind zu jung oder zu alt zum
Heiraten. Weil es kaum Arbeit in den Dörfern gibt, wandern die
Zwanzigjährigen nach Griechenland aus und gründen dort Familien.
Viele Frauen bleiben allein zurück. Auch Daze Zubai verrichtet
den Großteil der Arbeit auf dem Hof selbst, Geld für Material
oder einen neuen Brunnen kommt, wenn überhaupt, von männlichen
Verwandten aus dem Ausland.
Für eine Familie und Kinder ziehen die katholischen Albanerinnen
ins orthodoxe Serbien. Die kleine Angela ist der beste Beweis, dass
die Multikulti-Ehen auf dem Balkan funktionieren können. Martha
gefällt die neue Heimat, sogar das Klima sei besser. Jetzt wollen
Martha und Danko ein zweites Kind bekommen, auch dafür gibt's nochmal
200 Euro von der Hilfsorganisation. Wann es soweit ist, weiß aber
niemand – höchstens vielleicht Großmutter Sargorka,
die im Kaffeesatz eifrig die Zukunft für ihre wachsende Familie
liest.