Jordanien: Krise nach der Revolution
Die Ereignisse in Tunesien und Ägypten haben auch östlich
des Jordans ihre Spuren hinterlassen. Durch die Unruhen versiegte die
wichtigste Einnahmequelle des Landes: der Tourismus. Vielen Menschen
fehlt damit ihre Überlebensgrundlage.
Die Revolution in Jordanien dauerte nur wenige Tage. Das Ergebnis erfährt
Reiseleiter Mohamed Abdelhaq in diesen Tagen aus der Zeitung: Der König
hat eine neue Regierung eingesetzt – die alte war gerade mal drei
Monate im Amt. Noch ist das Land weit entfernt von Normalität.
Seit dem Umbruch in Nordafrika haben Reiseleiter wie Mohamed Abdelhaq
viele freie Tage. Dabei beginnt im Reiseland Jordanien jetzt eigentlich
die Hauptsaison.
Wegen der Lage in Ägypten seien fast alle Reisen storniert worden,
erklärt er. Viele der Gäste machten im großen Nachbarland
Urlaub und besuchten Jordanien dann für ein paar Tage. Doch aus
Ägypten komme niemand mehr. Dem Fremdenführer haben gleich
zwei Reisegruppen aus Amerika abgesagt. Jetzt will er die Zeit nutzen
und neue Kontakte im Land knüpfen.
In Aqaba liegt der einzige Seehafen des Landes. Normalerweise stehen
an den Schiffen Touristen Schlange für eine Bootsfahrt. Für
ein Land ohne Bodenschätze sei der plötzliche Einbruch katastrophal,
sagt Mohamed.
Doch die ganze Region ist voneinander abhängig. Von Aqaba aus ist
der Sinai in Ägypten genauso zu sehen wie die israelische Hafenstadt
Elat. Weil aus den großen Nachbarländern jetzt keine Tagesgäste
mehr kommen, würden die Menschen hier besonders unter den Folgen
des Umbruchs leiden, erklärt Mohamed. Die kleinen Anbieter und
Straßenhändler leben von der Hand in den Mund. Ohne Besucher
können sie nicht lange überleben. Auch der 13-jährige
Ahmed wartet auf Kunden. Er müsse mit dem Verkauf die Familie unterstützen,
sagt er. Sein Vater arbeite auf einer Baustelle, aber jetzt habe er
keine Arbeit mehr.
Eigentlich wollten wir mit den Bootsbesitzern sprechen. Doch plötzlich
hindert uns die Polizei: Ab sofort seien neue Genehmigungen zum Drehen
nötig. Sie verbieten uns weiterzufilmen. Nach dem Regierungswechsel
sind die Beamten unsicher, wer das Sagen hat und welche Gesetze gelten.
Vielleicht nicht ohne Grund, denn jetzt in der Krise werden die Fehlentscheidungen
der letzten Jahre deutlich: Viel wurde investiert, aber viel auch verschwendet.
Seit Jahren steht in Aqaba ein gigantische Hotelkomplex am Roten Meer
als Rohbau. Durch die Korruption der alten Regierung sind in diesem
Objekt und anderswo mehrere hundert Millionen Dollar versickert.
Wir fahren weiter ins Landesinnere, zum berühmten Wadi Rum. Wer
bisher vom Tourismus gelebt hat, steht vor einer schweren Zeit. Die
kleinen Anbieter haben keine Reserven. In den letzten Jahren zog es
immer mehr Touristen in die Einsamkeit der Wüste – zur Freude
der Jordanier. 200 bis 300 Dollar konnten Reiseführer im Monat
verdienen. Damit ernähren die jungen Männer ihre Familien
– insgesamt zwölf Mitarbeiter hat das kleine Camp. Ohne Einnahmen
wird es schwer für sie. Um die Hälfte seien ihre Einnahmen
seit Beginn der ägyptischen Revolution zurückgegangen, sagen
sie uns.
Auch die echten Beduinen, die noch immer hier leben, hatten in den
letzten Jahren von den Urlaubern profitiert. Jederzeit können die
Familien in ihren Zelten besucht werden. Doch um Touristen dauerhaft
zurückzuholen, meint Reiseführer Mohamed, reiche Gastfreundschaft
nicht aus. Jordanien brauche eine bessere Organisation und kontinuierliche
Arbeit.
So müssten zum Beispiel die Besucherströme besser organisiert
werden. In die Felsenstadt Petra kamen zuletzt gut zehnmal so viele
Gäste wie vor 20 Jahren. Durch fehlende Koordinierung war das Wahrzeichen
des Landes häufig überlaufen. Jetzt in der Krise genießen
die wenigen Gäste die Ruhe.
Doch das kleine Jordanien ist abhängig von der Ruhe in den Nachbarländern.
Nicht nur Mohamed hofft, dass bald wieder Touristen aus Ägypten
kommen. Wenn Jordanien, wie geplant, bis 2015 25.000 neue Jobs in der
Tourismusbranche schaffen will, muss die neue Regierung schnell beweisen,
dass sie handlungsfähig ist. Die Fremdenführer haben ihre
Hoffnung auf sie gesetzt.
MDR - windrose