Punk
als Star-Model
In Deutschland haftet Punk eher ein schmuddeliges Image an, in Japan
dagegen haben die Designer diesen Look als neuen Trend entdeckt. Und
vor allem begeistert sie David - ein deutscher Punk, der nun auf japanischen
Hochglanzbildern für Designerklamotten posiert.
Tokio ist die unumstrittene Modehauptstadt Asiens. Kaum ein Jugendlicher
wagt sich hier ungestylt auf die Straße, je verrückter die
Outfits desto besser. Vor allem am Nachmittag werden die Boulevards
regelrecht zu Laufstegen. Unfrisiert oder im Schlabber-T-Shirt laufen
höchstens Ausländer rum – Ausländer wie der Deutsche
David Schumann. Er lebte in der Kölner Punk-Szene und kam vor vier
Jahren nach Tokio, auf der Suche nach der großen Freiheit.
Mit kommerzieller Mode hat Punk eigentlich nichts zu tun. Doch gerade
Davids abgerissener Schmuddel-Look kam bei den Japanern an. Ein Modelscout
sprach ihn auf der Straße an – seither verdient er sein
Geld mit Fotoshootings. Eigentlich ein kulturelles Missverständnis,
wie er findet.
Vor der Kamera trägt er jetzt Designermode. Die japanischen Fotografen
lieben seine Größe, sein schmales Gesicht und vor allem seine
Tattoos, die in Japan noch immer als Zeichen des organisierten Verbrechens
gelten. Arbeit bekommen in Tokio vor allem europäische Models,
auch wenn die oft gar nicht in die japanischen Kleidergrößen
passen. David ist es recht. 500 Euro bekommt er für vier Stunden
Posieren. Seine Einstellung zum Leben habe sich durch das Glamour-Business
aber nicht geändert.
2005 kam David für ein Studienjahr nach Tokio – er wollte
Japanisch lernen. Bald war er pleite, die Model-Jobs haben ihn gerettet.
Fotoshootings passen gut zum Punk-Leben, findet er: Lange ausschlafen,
wenig Arbeit, viel Geld und viel Lob von den japanischen Auftraggebern.
Mit viel Arbeit könnte sich David wahrscheinlich ein schickes Apartment
im teueren Tokio leisten. Doch der Punk mag es schlicht und ehrgeizig
ist er auch nicht sonderlich. Deshalb lebt er bis jetzt nur zur Untermiete
in einem winzigen Zimmer. Mit seinen Fotos ist er ganz zufrieden, immerhin
hat er damit auch bei japanischen Frauen Erfolg. Die Mode ist ihm aber
noch immer völlig gleichgültig.
Die Wirtschaftskrise macht aber auch ihm zu schaffen. Statt mehrerer
Fotoshootings und Modeschauen pro Woche ist er jetzt schon froh über
ein oder zwei Aufträge. Enge Kontakte zu Agenturen und Designern
sind wichtig, dabei hilft ihm sein gutes Japanisch. Nach dem letzten
Job hofft er auf Folgeaufträge, schließlich sind alle von
seinen Bildern begeistert.
Und dann ist endlich Zeit für das wahre Leben. Tokio bei Nacht
ist für David eine große Party. Dabei braucht er gar nicht
die ungezählten Klubs und Karaoke-Bars. Fürs echte Punkrock-Gefühl
reichen schon ein paar Dosen Büchsenbier mit Freunden auf dem Fußweg.
Und wenn dann noch eine der japanischen Hardcore-Bands spielt, umso
besser. Und auch, wenn dass hier eher ein hippes Modespektakel ist als
echter Punk, ist sich David sicher: Für Momente wie diese lohnt
sich der ganze Stress im ganz normalen Modelgeschäft.