Japan - Vergnügungspark für Berufseinsteiger
4,4 Prozent Arbeitslose verzeichnete Japan im April dieses Jahres,
die Wirtschaftskrise beutelt das Land heftig. Da ist gut beraten, wer
möglichst perfekt auf den Arbeitsmarkt vorbereitet ist und das
schon in jungen Jahren. In Tokio hat sich ein Freizeitpark darauf spezialisiert,
bereits Kinder in die Arbeitswelt der Erwachsenen eintauchen zu lassen.
Wer in der Steinwüste von Tokio plötzlich Möwengeschrei
hört, sollte nicht leichtfertig denken, dass es hier auch Möwen
gibt – für das Küstengefühl begnügen sich
Japaner mit Vogelgeschrei aus dem Lautsprecher. Künstliche Welten
locken Japans Konsumenten. Das Einkaufszentrum, zu dem der kreischende
Lautsprecher gehört, beherbergt selbst eine besonders perfekte
Parallelwelt.
Mr. Kikui begrüßt die Gäste, die nicht älter als
15 Jahre sein dürfen – so wie Mako Nakatani, die mit ihrer
Schulklasse einen Ausflug macht. Aus Angst vor der Schweinegrippe tragen
die Kinder in Tokio Schutzmasken – der Vorfreude tut das keinen
Abbruch. Nach Kidzanja geht die Reise – ins Kinderland. Der Kapitän
der Maschine ist gerade elf geworden, trotzdem bringt er die Kinder
relativ sicher in eine phantastische Welt. Für umgerechnet 30 Euro
kann Mako Nakatani hier eine Stadt im Kinderformat entdecken. Auf einer
Fläche, halb so groß wie ein Fußballfeld, herrscht
ewige Nacht – weil nachts eigentlich nur Erwachsene wach sein
dürfen. Und genau darum geht es hier: Kinder probieren das Leben
von Morgen aus. Sie fahren Autos, löschen Brände oder sagen
die Nachrichten an. 800 Angestellte kümmern sich um die Kinder
und um die moderne Technik, mit der die Kinder für die Zukunft
lernen sollen.
Die Kinder sollen lernen, wie es ist in verschiedenen Berufen. Wie
es ist Geld zu verdienen und zu sparen oder wie wichtig es ist, an die
Kunden zu denken, denen man irgendetwas verkaufen will.
Und so funktioniert das Erwachsenenleben in Kidzanja: Zuerst sucht
sich Mako einen Job aus: Sie will Ärztin werden und meldet sich
im Krankenhaus. Hier erhält sie eine Ausbildung im Schnelldurchlauf.
Das sei die Gallenblase, erklärt die Chefin und die werde jetzt
operiert. Mit einem modernen Endoskop spürt die junge Chirurgin
das kranke Gewebe auf. Das wird dann mit Hilfe eines Lasers sauber entfernt.
Dann kommt das Wichtigste: die Bezahlung. Acht Kidzos hat Mako in der
halben Stunde verdient. Die kann sie später für Pizza oder
Eis ausgeben. 80 verschiedene Jobs gibt es im Kinderland. Sie sind ein
Miniaturbild der japanischen Gesellschaft. Lernen kann man alles vom
Pizzabäcker bis zum Bakterienforscher. Es sind die Dienstleistungsberufe
der Zukunft – Tischler, Maurer oder Klempner gibt es hier nicht.
Finanziert werden die aufwändigen Pavillons meist von großen
Firmen – die Turmuhr vom Uhrenmacher, das Krankenhaus vom Pharmariesen,
der Handyshop vom Mobilfunkanbieter und die Abfüllanlage von einem
Getränkehersteller. Mehrere 100.000 Euro zahlen Unternehmen dafür,
die Kinder an ihre Marken zu binden. Auch wenn Mako für ihr neues
Geld ein Konto eröffnet, tut sie das bei einer Bank, die es auch
in Wirklichkeit gibt: Training für ein erfolgreiches Konsumentenleben.
Und weil viele Japaner schlecht Englisch sprechen, soll der Amerikaner
Cory McGowan sie auch noch in der Fremdsprache fit machen.
So müssen die kleinen Nageldesigner im Kosmetikstudio ihre Kunden
auf Englisch fragen, welche Farben sie auftragen sollen. Noch vor wenigen
Jahren haben sich Japaner ein Arbeitsleben lang an eine Firma gebunden.
Das verändert sich rasant und in Kidzanja können die Kinder
für diese neue Zeit trainieren, hoffen die Eltern.
So ist Kidzanja auf Monate hin ausgebucht. Es gilt als Schule der Nation.
Nach nur zweieinhalb Jahren wird jetzt ein zweiter Park in Osaka eröffnet.
Mako Nakatani hat in vier Stunden acht verschiedene Berufe ausprobiert,
sie hat Verbrecher gefangen, Autofahren gelernt und gemodelt. Beim Zahnarzt
lernt sie jetzt alles über Zahnpflege und darf am Ende noch selbst
eine Füllung einsetzen. Ihr Geld hat sie als gute Japanerin nicht
ausgegeben, sondern gespart. Ein Vergnügen gönnt sich die
Elfjährige dann aber doch: Mit dem neuen Führerschein mietet
sie ein Auto und lässt sich dann an der Tankstelle von den eigenen
Klassenkameraden bedienen – die müssen ihr Geld erst noch
verdienen.