Island: Naturkatastrophe als Vermarktungsgag
Nach seinem Ausbruch im April 2010 ist der isländische Vulkan Eyjafjallajoekull weltweit bekannt geworden. Die Aschewolke legte den Flugverkehr lahm und hatte Auswirkungen auf ganz Europa. Noch heute sind in Island die Folgen der Naturkatastrophe zu spüren: Schlammlandschaften statt grüner Täler, die Tourismusindustrie erholt sich nur langsam.
Dort, wo vor wenigen Monaten noch der klare Fluss Makjafjord ruhig
in seinem Bett floss, befindet sich heute nur noch eine Schlammlandschaft.
Es ist Vulkanasche, die den Pegel des isländischen Flusses bis
knapp unter die Brücken steigen lässt. Bis heute kämpfen
Bagger gegen die Massen an schwarzem Schlamm. Es sind die Reste der
mächtigen Aschewolke, die im April den Flugverkehr in ganz Europa
lahmlegte. In Island selbst sind die Spuren des Ausbruchs bis heute
unübersehbar. Geophysiker, wie der Deutsche Martin Hensch, sind
von den Auswirkungen fasziniert.
Der Vulkan selbst ist wieder einmal von dichten Wolken umhüllt.
Für den Geophysiker Hensch ist Island das ideale Forschungsgebiet
– trotz des rauen Klimas. Heute etwa ist der Wind so stark, dass
selbst Wasserfälle einfach verweht werden. Trotzdem muss er auch
heute seinen Vulkan und den darüberliegenden Gletscher, den Eyjafjallajökull,
besuchen – sie stehen nämlich noch immer unter besonderer
Beobachtung der Forscher. Mit GPS-Stationen können kleinste Bewegungen
registriert werden, etwa, ob der Berg sich erneut ausdehnt oder weiter
schrumpft. Wichtige Stationen müssen die Wissenschaftler persönlich
in Augenschein nehmen. Dadurch war auch der Ausbruch im April von den
Geophysikern monatelang erwartet worden.
Auf der Insel brodelt es bis heute. 31 aktive Vulkansysteme gibt es
auf Island – sie machen das Land für Touristen erst interessant.
Doch die Aschewolke hätte den Tourismus fast zum Erliegen gebracht.
Martin Hensch trifft am Fuß des Berges Reiseanbieter aus Polen.
Sie fragen sich, ob man Island wieder besuchen kann.
Aschewolke und Flugverbot hatten das Land empfindlich getroffen. Denn
die Reiseindustrie sorgt für ein Fünftel der Deviseneinnahmen
in Island. Die Verantwortlichen haben schnell reagiert. Nach dem Ausbruch
gab es eine Besucherrückgang von 20 Prozent. Der Isländischer
Reiseverband hat gemeinsam mit der Regierung in verschiedenen Ländern
ein Marketingprogramm aufgelegt, um die Leute davon zu überzeugen,
dass sie Island wieder bereisen können.
Das staatliche Rettungsprogramm hat erste Erfolge. Jetzt gehen die
Reiseunternehmer noch einen Schritt weiter: Den nun weltberühmten
Eyjafjallajökull wollen sie zum Markenzeichen ausbauen. Der Vulkan
sei ein interessantes Produkt und die Besucher können dort einzigartige
Erfahrungen machen, wie etwa bei einer Reise zum Mond.
Eine Erfahrung, auf die andere gern verzichtet hätten. Bauern
wurden förmlich unter der Asche begraben – bis zu zwölf
Kilogramm Sand und Staub landeten pro Quadratmeter auf ihren Ländereien.
Seit dem Ausbruch müssen die Kühe mit gekauftem Heu gefüttert
werden, die Getreidesaat fiel in diesem Jahr ganz aus. Ums Überleben
müssen sie allerdings nicht bangen – bei Schäden durch
die Vulkane springt der isländische Staat ein.
Vulkane haben die Insel Island geschaffen. Auf das Wechselspiel von
Gefahr und Schönheit sind die Isländer eingestellt. Dass auch
künftig bei Ausbrüchen keine Menschen zu Schaden kommen, dafür
sorgen Martin Hensch und seine Kollegen. Ihre Kontrollfahrten sollen
eine rechtzeitige Evakuierung ermöglichen.
Der nächste Ausbruch kommt bestimmt. Ob die Folgen wieder so dramatisch
sein werden wie beim Eyjafjallajökull wissen allerdings nicht einmal
die Geologen.
MDR - windrose