Frauenpower in Männerdomäne
Eine Demonstration in den Straßen der armenischen Hauptstadt
Jerewan. Die Frauen fordern die Freilassung von politischen Häftlingen
und die Einhaltung der Menschenrechte. Dass sich gerade Frauen stark
machen für öffentliche Interessen, ist neu in Armenien. Hier
herrscht eigentlich noch immer das Bild von der Frau als Seele des Hauses.
Eine dieser rebellischen Aktivistinnen ist Ani Matevosyan. Die Studentin
ist gerade 20 Jahre alt und müsste sich nach traditioneller Vorstellung
jetzt eigentlich einen Mann zum Heiraten suchen. Stattdessen arbeitet
sie für NGOs und Vereine, knüpft Netzwerke mit anderen Frauen.
Viele Armenier gehen zum Arbeiten ins Ausland. Auf 1.000 Frauen zwischen
20 und 24 Jahren kommen heute gerade noch 775 Männer. Trotzdem
haben Frauen in Politik und Wirtschaft des Landes bislang wenig zu sagen.
Ani und ihre Mitstreiterinnen wollen dieses Bild ändern. Ihre Freundin
Shushan hat eine Fotoausstellung über das Leben der armenischen
Frauen organisiert. Die Bilder hängen öffentlich in einem
Park, um eine breite Diskussion anzustoßen. Den Künstlerinnen
gehe es nicht allein um Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, sagen
sie, sondern vor allem um das Wohl der Gesellschaft. Sie sehen Armenien
als kulturelle Brücke zwischen Asien und Europa.
Anis Netzwerk ist mittlerweile weit gespannt. In fünf verschiedenen
Organisationen arbeitet sie mit, parallel zum Studium. Ein Verlag hat
diesen Debattierclub gegründet. Unter den Augen der armenischen
Gründerväter diskutieren die jungen Frauen über die Zukunft.
Weil der Staat nur für das Nötigste sorgen kann, ist viel
bürgerliches Engagement gefragt, vor allem bei ökologischen
oder sozialen Projekten.
Zum Beispiel bei der Sache mit den Bäumen. Anfang der 90er Jahre
herrschte eine Wirtschaftskrise, der Strom fiel aus, das Holz war knapp.
Überall in der Stadt wurden Bäume gefällt. Noch heute
klaffen überall die Wunden, die die Rodung hinterlassen hat. Die
Aufforstung hat gerade erst begonnen. Dass überhaupt Bäume
gepflanzt werden, ist auch ein Verdienst der armenischen Frauen. Der
Staat wollte dafür kein Geld ausgeben. Anis Netzwerk hat für
die Aufforstung getrommelt und viele Helfer gewonnen. Anfangs seien
die Männer irritiert gewesen, dass hier Frauen die Initiative übernehmen,
erinnert sich Ani. Doch jetzt packen alle mit an, schließlich
geht es hier um ein patriotisches Anliegen.
Dass die Frauen gerade Bäume pflanzen, hat auch eine symbolische
Bedeutung. Am Mahnmal für die Opfer des Völkermordes an den
Armeniern pflanzen bis heute Staatsmänner aus aller Welt Bäume
zum Gedenken an die über ein Million Toten. Jacques Chirac war
ebenso hier, wie der russische Präsident Medwedew.
Durch die Katastrophe des Genozids fühlen sich Frauen wie Ani
dem armenischen Staat verpflichtet. Schließlich litten zwischen
1915 und 1917 besonders die Frauen unter den türkischen Gräueltaten.
Viele wurden in die Wüsten deportiert, wo sie zu Hunderttausenden
umkamen. Das Museum zeigt Fotos und Filmausschnitte aus dieser Zeit.
Ausgeliefert sein und abhängig von einer fremden Macht –
so etwas soll armenischen Frauen nie wieder passieren, sagt Ani. Deshalb
wollen die Aktivistinnen aus Armenien ein modernes Land machen. Wenn
auch zunächst in ganz kleinen Schritten. Eines der NGOs hat jetzt
kostenlose Fahrradkurse für Frauen organisiert. Denn auch das war
bisher nicht selbstverständlich – Mädchen wurde es oft
verboten, aufs Rad zu steigen. Jetzt können sie hier jeden Sonnabend
üben.
Ani ist zufrieden mit der Aktion. Denn auch, wenn Fahrrad fahren noch
keine Garantie ist für mehr Gleichberechtigung in Armenien –
ein Anfang ist gemacht. Und aufgeben werden diese Frauen garantiert
nicht so schnell.
MDR - windrose