Ägypten: Nach der Revolution
Das soziale Netzwerk Facebook spielte eine entscheidende Rolle bei
der Verbreitung der ägyptischen Revolution. Jetzt soll das Internet
vor allem erfolgreiche Geschäfte im demokratischen Ägypten
ermöglichen. Doch das gestaltet sich kompliziert und viele junge
Aktivisten zweifeln bereits am Erfolg des Aufbruchs.
In einem Internetcafé in Kairo ist Farag Abrahim zum Revolutionär
geworden. Er stammt aus armen Verhältnissen. Über seine Facebook-Seite
hatte er von dem Aufstand erfahren, hatte Filme gesehen, die prügelnde
Polizisten und Folter zeigten. Farag hat nie eine richtige Schule besucht,
versteht wenig von Politik. Doch diese Bilder haben den 29-jährigen
tief berührt. Gemeinsam mit Hunderttausend anderen war er im Januar
auf die Straße gegangen. Und trotz der Wirtschaftskrise nach dem
Umsturz, die ihm das Geldverdienen schwer macht, treibt ihm die Revolution
noch immer Tränen des Glücks in die Augen. In poetischen Worten
vergleicht er die Revolution mit der Liebe: So tief sei das Gefühl,
dass es einen in kalten Nächten warm halte und selbst im Gefängnis
noch Hoffnung verleihe.
Jene, die solche Emotionen übers Internet auslösen konnten,
treffen wir an der amerikanischen Universität von Kairo. Hier studieren
die Kinder der Oberschicht. Unter ihnen die Urheber des Aufrufes. Sie
haben mittlerweile eine Organisation gegründet mit dem Namen "Injaz",
arabisch für "Schaffen". Sie hatten die Informationen
zuerst ins Internet gestellt.
Jetzt, nach dem Umsturz, sollen die anderen Studenten das Netzwerk
weiter nutzen. Diesmal um ein erfolgreiches und demokratisches Ägypten
aufzubauen. Dafür hat die Chefin von Injaz spezielle Kurse organisiert.
Mit Spaß und amerikanischem Management sollen aus Aktivisten Unternehmer
werden.
Sie und ihr Team bringen den Studenten alles bei, was sie als Unternehmer
brauchen werden: Problemlösungen, analytisches Denken, Innovationen
oder Teamwork.
Selbst für die Jugendlichen aus gutem Hause sind das Fähigkeiten,
die bisher in Ägypten nicht gefragt waren. Manche sind extra aus
dem Ausland zurückgekommen, um beim Aufbruch der Jugend dabei zu
sein. So wie Louloua Bathke, die fünf Jahre lang in Deutschland
lebte. Ohne bessere Bildung hätten die Ägypter keine Chance,
meint sie.
Für die Revolution war das nicht von Bedeutung: Gebildet oder
nicht – der Aufstand im Januar hatte das ganze Volk erfasst. Auf
dem Tahirplatz fehlen bis heute die Pflastersteine. Farag Abrahim erinnert
sich genau, wie sie als Waffen gegen das Regime eingesetzt wurden. "So
haben wir geworfen", sagt er. "Von dort kamen die, die Mubarak
als Präsident unterstützten, von dort jene, die ihn nicht
mehr wollten." Doch so einfach sind die Fronten jetzt eben nicht
mehr. Von Politik versteht Farag, wie die meisten seiner Freunde, wenig.
Bei einer Radioshow wird ein neuer Präsidentschaftskandidat gesucht.
Von dessen politischer Bedeutung ist aber nicht die Rede.
"Der neue Präsident von Ägypten darf auf jeden Fall keinen
Bauch haben. Keinen dicken Bauch. Außerdem muss er gut im Training
stehen. Er soll jung sein, also jünger als 50. Und er soll verschiedene
Sprachen sprechen können. Das ist mein Traum von einem neuen Präsidenten."
So die Vorstellungen von einem neuen Präsidenten von Farag Abrahim.
Fraglich, ob sich Ägypten so aus der wirtschaftlichen Krise befreien
kann. Der Tourismus, einer der wichtigsten Pfeiler der Wirtschaft, ist
fast völlig zusammengebrochen. Farags Familie lebt gleich neben
den Pyramiden. Besucher gibt es dort kaum.
25 Kamele und Pferde besitzen seine Freunde. Eigentlich vermieten sie
die Tiere an Besucher. Jetzt müssen sie die Kosten fürs Futter
vom Ersparten zahlen. Doch zumindest im Moment stehen sie noch voll
hinter der Revolution. So auch Hesem Agach, Kamelbesitzer. Er habe zwar
kein Geld mehr berichtet er, aber aber er ist frei, genauso wie jeder
andere.
So steckt das ganze Land in einem tiefen Zwiespalt: Die einen wollen
weiter demonstrieren, bis alle Forderungen erfüllt sind und das
alte korrupte System verschwunden ist. Andere, wie Farag, hoffen, dass
so schnell wie möglich Ruhe einkehrt und die Wirtschaft aufgebaut
wird.
Die Menschen mit Internetaufrufen auf die Straße zu bringen war
offensichtlich weit einfacher, als jetzt die politische Zukunft Ägyptens
zu gestalten.
MDR - windrose